Abu Dhabi im Umbruch: Wizz Air zieht sich zurück – Etihad expandiert kraftvoll
- Tim
- 16. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Der Flughafen Abu Dhabi ist derzeit Schauplatz großer Veränderungen in der Luftfahrtwelt. Während sich Wizz Air überraschend vollständig aus der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate zurückzieht, befindet sich Etihad Airways im größten Expansionsmodus seiner Geschichte. Was auf den ersten Blick wie eine zufällige Parallelentwicklung wirkt, offenbart bei genauerem Hinsehen klare strategische Zusammenhänge – und lässt vermuten, dass nicht nur Emirates in Dubai Konkurrenz bekommt, sondern auch Billigflieger wie Wizz Air zunehmend unter Druck geraten.

Wizz Air Abu Dhabi gibt auf – ein gescheitertes Experiment?
Im September 2025 ist Schluss: Wizz Air Abu Dhabi, der Golf-Ableger der osteuropäischen Billigfluglinie, wird seine Aktivitäten einstellen. Mit derzeit zwölf Airbus A321-Flugzeugen und rund 30 Zielen – darunter Destinationen in Europa, Afrika, Zentralasien und dem Nahen Osten – war die Airline ein ambitioniertes Projekt. Doch von Anfang an schien der Ableger unter keinem guten Stern zu stehen.
Laut CEO József Váradi habe man in Abu Dhabi nie richtig Fuß gefasst. Die Gründe dafür sind vielschichtig:
Wirtschaftlich unrentabel: Das extreme Klima ließ Triebwerke schneller verschleißen, was die Wartungskosten explodieren ließ – für ein Ultra-Low-Cost-Modell ein schwerwiegendes Problem.
Eingeschränkte Marktzugänge: Versprochene Streckenrechte nach Indien und Pakistan blieben aus, was das Wachstum massiv bremste.
Politische Unsicherheiten: Spannungen in der Region und Luftraumsperrungen haben das ohnehin fragile Geschäftsmodell zusätzlich belastet.

Die Partnerschaft mit der staatlichen Abu Dhabi Developmental Holding Company sollte eigentlich politischen Rückhalt und finanzielle Stabilität bieten. Doch das Konzept, fast zeitgleich mit Air Arabia Abu Dhabi zwei Billigflieger mit ähnlichem Modell an den Start zu bringen, wirkte von Beginn an überambitioniert – vor allem in einem Markt wie Abu Dhabi, der nicht die gleiche touristische oder wirtschaftliche Magnetwirkung wie Dubai besitzt.
Etihad blüht auf – Expansion im Rahmen von „Journey 2030“
Während Wizz Air die Segel streicht, geht Etihad in die Offensive. Unter dem Projektnamen „Journey 2030“ befindet sich die nationale Airline der Emirate in einer massiven Expansionsphase. Bereits Ende 2024 verkündete Etihad zehn neue Strecken auf einen Schlag. Nun folgen sieben weitere, die zum Teil noch in diesem Jahr, überwiegend aber Anfang 2026, starten sollen:
Medina, Saudi-Arabien – ab 9. November 2025 (6x wöchentlich)
Baku, Aserbaidschan – ab 2. März 2026 (10x wöchentlich)
Jerewan, Armenien – ab 9. März 2026 (10x wöchentlich)
Tiflis, Georgien – ab 13. März 2026 (8x wöchentlich)
Almaty, Kasachstan – ab 16. März 2026 (8x wöchentlich)
Bukarest, Rumänien – ab 16. März 2026 (4x wöchentlich)
Taschkent, Usbekistan – ab 17. März 2026 (6x wöchentlich)
Damit wächst das Etihad-Streckennetz 2025 auf stolze 27 neue Ziele – ein historischer Rekord.

Der Zeitplan? Sicher kein Zufall
Auffällig ist: Viele der neuen Etihad-Destinationen wurden bislang von Wizz Air Abu Dhabi bedient. Dass Etihad seine Expansionspläne genau jetzt kommuniziert – kurz nach der Wizz-Rückzugsankündigung – dürfte kaum ein Zufall sein. Ohne die aggressive Preispolitik des Billigfliegers ist für Etihad der Markteintritt deutlich einfacher, insbesondere auf Routen, die bislang von Preiskämpfen geprägt waren.
Zudem betont Etihad ungewöhnlich deutlich, dass es nicht (nur) um Transitpassagiere geht, sondern um echten Punkt-zu-Punkt-Verkehr nach Abu Dhabi. CEO Antonoaldo Neves spricht davon, „mehr Menschen direkt nach Abu Dhabi zu bringen“ und so „die Position der Hauptstadt als Tourismus-, Kultur- und Handelszentrum zu stärken“. Das ist ein klarer Strategiewechsel gegenüber früheren Jahren, in denen der Fokus auf globaler Konnektivität lag.
Fazit: Etihad auf dem Vormarsch – Wizz Air muss Federn lassen
Während Wizz Air Abu Dhabi als ehrgeiziges Experiment in der Wüste scheitert, geht Etihad gestärkt aus der Situation hervor. Der Zeitpunkt könnte kaum besser gewählt sein: Der Rückzug des Billigfliegers schafft Raum für neue, profitablere Verbindungen – und Etihad nutzt diesen konsequent. Für Emirates dürfte diese Entwicklung ein Warnsignal sein, denn Etihad entwickelt sich zunehmend vom Underdog zur ernstzunehmenden Konkurrenz – nicht nur auf der Langstrecke, sondern auch im Regionalverkehr.
Mit einem modernen Flugzeugmix, wachsender Frequenz und einer klaren Strategie scheint Etihad bestens gerüstet, um Abu Dhabi nachhaltig als starke Alternative zu Dubai zu positionieren – und dabei sowohl Emirates als auch Billigairlines wie Wizz Air das Leben schwer zu machen.
Kommentare